K3B Kompetenzzentrum Kommunale Konfliktberatung VFB Salzwedel e.V.

Streit&Struntz

Raum für Denkanstöße zu kommunalen Konflikten

Ausgabe Nr. 36, März 2024

Junge Menschen im Spannungsfeld von Krisen und Kriegen: Einblicke aus der Friedensbildung in Deutschland und dem Südkaukasus

Liebe*r Leser*in von Streit&Struntz,

Krisen und Kriege scheinen aktuell allgegenwärtig. Davon sind junge Menschen oft besonders stark betroffen, etwa von der Corona-Pandemie oder der globalen Erwärmung. Das muss auch in der Friedensbildung, also der politischen Bildung zu Themen wie Frieden, Konflikt und Gewalt, berücksichtigt werden - insbesondere bei der Arbeit mit jungen Menschen. Darüber schreibt in der aktuellen Ausgabe von Streit&Struntz Alena Kemm, Vorstand und Leitung des Programmes für internationale Friedensbildung bei der Nichtregierungsorganisation "act for transformation". In der digitalen Veranstaltung wird es einen kurzen Input von Alena Kemm geben, in dem auch konkrete, positive Beispiele aus der Friedensbildung im Südkaukasus und Deutschland vorgestellt werden. Vor der Diskussion wird dieser Input von der Konfliktberaterin Kathrin Buddendieck genauer eingeordnet.

Die aktuellen, deutschlandweiten Demonstrationen für Demokratie und gegen Rassismus, die weltweite "Fridays for Future"-Bewegung für Klimaschutz und Nachhaltigkeit aber auch Proteste für Toleranz und gegen Polizeigewalt in Georgien zeigen auf beeindruckende Weise, wie sich junge Menschen für Friedensthemen engagieren. Die Welt, in der Jugendliche heute aufwachsen, steht vor einer Vielzahl komplexer Herausforderungen, die von durch den Klimawandel verursachten globalen Umweltproblemen bis hin zu geopolitischen Konflikten wie dem Ukrainekrieg reichen.

In Georgien steigen die sozialen Spannungen zwischen nach Georgien migrierten Russ*innen und der lokalen Bevölkerung. Die Polarisierung zwischen pro-westlich-demokratisch und pro-russisch orientierten Teilen der Gesellschaft wächst. Gewaltvolle, nationalistische Narrative und Feindbilder prägen das Bild der Aserbaidschaner*innen von Armenien und umgekehrt. Der russische Krieg auf europäischem Boden und andere weltweit eskalierende Konflikte führen in Deutschland und Georgien auch zu lauten Rufen nach Abschottung, Aufrüstung und starker Führung. Junge Menschen ohne stabiles demokratisches Bewusstsein sind nach meiner Beobachtung besonders betroffen von diesen Entwicklungen und suchen oft Antworten in vereinfachenden polarisierenden Narrativen.

Diese Herausforderungen haben weitreichende Auswirkungen auf unsere Gesellschaften und sind auch eine ernsthafte Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Stabilität. Das prägt auch die friedenspädagogische Arbeit mit jungen Menschen.

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Friedensbildung und Beteiligung

Friedensbildung als Teil der Jugendarbeit kann Jugendliche befähigen, Konflikte gewaltfrei zu lösen, Vorurteile abzubauen, Toleranz zu fördern und ein Verständnis für die Ursachen von Konflikten und Gewalt zu entwickeln. Zudem können Jugendliche ermutigt werden, zu einer friedlicheren und gerechteren Gesellschaft beizutragen und ihre Umgebung aktiv mitzugestalten bzw. ihre Beteiligung daran einzufordern.

Beteiligung junger Menschen meint die aktive Mitsprache, Mitbestimmung und Mitwirkung bei Entscheidungen, die sie in ihrer Lebenswelt und darüber hinaus betreffen, und deren Umsetzung. Dieses Recht junger Menschen ist unter anderem in der UN-Kinderrechtskonvention und im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert. Die mit Jugendlichen aus Europa erarbeitete EU-Jugendstrategie mit den Kernbereichen "Beteiligung", "Begegnung" und "Befähigung" stellt mit den elf europäischen Jugendzielen einen Handlungsrahmen für die Jugendarbeit dar. Sie soll die Beteiligung junger Menschen am demokratischen Leben und ihr soziales wie bürgerschaftliches Engagement fördern. Junge Menschen sollen die Möglichkeit erhalten, sich in ihre Gesellschaften einzubringen. Beteiligung ist ein wichtiger Baustein der Krisenbewältigung und ein wichtiger Ansatz, um demokratische Kompetenzen junger Menschen zu stärken. Wenn sich Kinder und Jugendliche beteiligen können, stärkt das ihre Selbstwirksamkeit und auf lange Sicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Um die Beteiligung von jungen Menschen an Friedens- und Friedensbildungsprozessen zu fördern, ist es notwendig, Dialog- und Begegnungsräume für sie zu schaffen, in denen sie ihre Perspektiven austauschen, entwickeln sowie eigene Ideen umsetzen können. Lokale Jugendparlamente, freie Jugendzentren und vernetzte Jugendinitiativen sind einige Beispiele für solche Räume. Die Stärkung der friedensbezogenen Kapazitäten von Organisationen und Initiativen, die solche Räume bereitstellen, ist von großer Bedeutung, z.B. um interkulturelles Verständnis, die Gewaltprävention und die Einbeziehung marginalisierter Gruppen zu fördern.

Positive Beispiele aus dem Südkaukasus und Deutschland

Im Südkaukasus und Deutschland gibt es eine Reihe von positiven Beispielen aus der Praxis, die sich auf die Stärkung der Jugendbeteiligung in der Friedensbildung und Konflikttransformation konzentrieren. Einige dieser Beispiele sind:

1. Interaktive Seminare: In interaktiven Seminaren in Schulen und Jugendzentren werden pro-soziale und interkulturelle Kompetenzen sowie die Teamfähigkeit von jungen Menschen gefördert. Außerdem werden die jungen Menschen darin gestärkt, ein Verständnis von Frieden, Konflikt, Gewalt, Gewaltfreiheit, und Demokratie sowie Strategien zur friedlichen Lösung von Konflikten zu entwickeln, junge Menschen zu zivilgesellschaftlichem Engagement empowert und ihre Selbstwirksamkeit erhöht.

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Aus der Praxis bewährt ist etwa das Konzept "Betzavta"[1] für demokratische Bildung, vor allem für das Erlernen von konstruktiven Aushandlungsprozessen, oder das Konzept "fairtogether"[2] zur Entwicklung von pro-sozialen Kompetenzen, einem vertieften Verständnis von Gewalt und Gewaltfreiheit sowie gewaltfreien Konfliktlösungsstrategien und Zivilcourage. Diese Konzepte sind besonders geeignet für von Marginalisierung betroffene Jugendliche, z.B. mit Flucht- und Migrationsgeschichte.

2. Selbstorganisierte Jugendinitiativen auf der lokalen Ebene: Diese Initiativen können komplett selbstorganisiert oder mit zusätzlicher Unterstützung durch Pädagog*innen erfolgen. Komplett selbstorganisierte Initiativen sind grundsätzlich divers in ihrem Vorgehen und ihren Strategien. Von Pädagog*innen unterstützt können Jugendliche z.B. nach Seminaren zu Friedensthemen in ihren Gemeinden eigene Jugendinitiativprojekte umsetzen. Begleitet werden sie dabei von einer*einem Pädagog*in oder Jugendgruppenleiter*in als Mentor*in, die*der mit ihnen ihre Ideen und deren Umsetzung reflektiert und wenn notwendig Tipps gibt.

3. Internationale Jugendbegegnungen: Internationale Jugendbegegnungen, die Jugendliche aus Konfliktregionen und von Marginalisierung betroffene Jugendliche einbeziehen, stellen eine wichtige Möglichkeit dar, um gegenseitiges Verständnis, Toleranz und Frieden zu fördern. Durch die persönlichen Begegnungen haben die jungen Menschen die Gelegenheit, ihre Perspektiven zu erweitern, die anderen Kulturen und Lebensweisen kennenzulernen sowie Vorurteile zu reflektieren. Sie können auch dazu beitragen, vertrauensvolle und freundschaftliche Beziehungen aufzubauen, Gemeinsamkeiten zu erkennen und so zuvor vermittelte Feindbilder zu dekonstruieren und Perspektiven für ein friedlicheres Zusammenleben zu entwickeln.

4. Öffentlichkeitsarbeit in eigener Regie: Von Jugendlichen selbst organisierte Radiosendungen, Podcasts und Kampagnen (z.B. in sozialen Medien, mit Fotos, Videos, Memes, Postern an öffentlichen Plätzen, Flugblättern oder Stickern) sind eine kreative und effektive Möglichkeit, um für junge Menschen wichtige Themen, Bedürfnisse und Perspektiven einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Jugendliche können dabei lernen, wie sie Inhalte recherchieren, strukturieren und präsentieren, ihre Kommunikations- und Teamfähigkeit verbessern und Selbstbewusstsein entwickeln. Beim georgischen Radiosender Radio Atinati organisieren Jugendliche beispielsweise selbst Radiosendungen zu Friedens- und Demokratiethemen, um die Öffentlichkeit darüber zu informieren und zu sensibilisieren.

All diese Beispiele zeigen, dass Friedensbildung in der Jugendarbeit nur dann erfolgreich umgesetzt werden kann, wenn Jugendliche dazu befähigt werden, sich aktiv für eine gerechtere und friedlichere Gesellschaft einzusetzen.

[1] Weitere Informationen dazu gibt es z.B. unter http://www.betzavta.de/.

[2] Weitere Informationen dazu gibt es z.B. unter https://www.erasmusplus-jugend.de/foerderung/fairtogether/ und https://act4transformation.net/.

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Diskussion und Fazit

Die Herausforderungen, denen junge Menschen in Deutschland und den Ländern des Südkaukasus im Zusammenhang mit Kriegen und Krisen gegenüberstehen, sind immens. Diese Herausforderungen betreffen unter anderem die globale Erwärmung, einen stärker werdenden Nationalismus, fehlende Voraussetzungen zur Integration von Geflüchteten aber auch diverse weitere Themen. Dabei wird deutlich, dass Jugendliche in beiden Regionen vor ähnlichen Problemen stehen, die eine friedliche Zukunft erschweren. Mehr Partizipation und Friedensbildung in der Jugendarbeit kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, Konflikte gewaltfrei zu lösen und demokratische Kompetenzen zu stärken. Die EU-Jugendstrategie mit ihren Jugendzielen setzt hierbei einen wichtigen Rahmen für die Förderung von Beteiligung und das Engagement junger Menschen.

Jugendliche in Friedensbildung und ziviler Konfliktbearbeitung zu beteiligen braucht passende Rahmenbedingungen, z.B. eine flexible, prozessorientierte und ergebnisoffene Gestaltung von Förderrichtlinien, Projektplanungen und Projektbudgets. Nur so kann Jugendarbeit auf individuelle Bedürfnisse, das Tempo und die Themen der Jugendlichen eingehen. Die relevanten Akteur*innen der Friedensarbeit müssen sich vernetzen und sich dafür politisches Gehör verschaffen. Partizipation, der Umgang mit Traumatisierungen, Friedensbildung und Toleranz muss ein Thema in der Ausbildung von Lehrer*innen, Jugendleiter*innen, Ehrenamtlichen und Sozialarbeiter*innen sein. Nur mit den notwendigen Qualifikationen können diese Jugendliche begleiten, beteiligen und Hürden wie z.B. Sprachbarrieren überwinden.

Auf kommunaler Ebene müssen Jugendliche als Akteur*innen empowert und einbezogen werden. Hierfür braucht es flächendeckende Begegnungs- und Dialogräume, aber auch die finanzielle Förderung von Seminaren mit empowernden Konzepten wie "Betzavta" und "fairtogether" in Schulen und Jugendzentren, peer-to-peer Programme und selbstorganisierte Jugendinitiativen. So können Jugendliche das friedlichere und tolerante Zusammenleben in ihren Gemeinden besser mitgestalten und eigene Ideen umzusetzen. Internationale Jugendbegegnungen, initiiert z.B. von Jugendzentren, Vereinen, Städte- und Schulpartnerschaften oder lokalen gemeinnützigen Organisationen bieten zudem die Möglichkeit, Verständnis und Toleranz zwischen jungen Menschen aus verschiedenen Regionen zu fördern. Die Perspektiven junger Menschen müssen in der Kommune gehört werden (können). Sie brauchen jedoch Plattformen, um sich Gehör zu verschaffen aber auch Ansprechpartner*innen in Politik und Zivilgesellschaft. Dann stehen die Chancen gut, dass junge Menschen langfristig und nachhaltig zu einem friedlicheren Gemeinwesen beitragen.

Mit diesem Impulstext sowie der zugehörigen Online-Diskussion am 18. März von 16-17 Uhr, möchten wir gerne mit Ihnen und Euch ins Gespräch kommen. Wir laden Sie und Euch ganz herzlich ein, eigene Fragen zu stellen, zu kommentieren und mitzudiskutieren.

Das Online-Gespräch wird via Zoom stattfinden. Bitte melden Sie sich mit einem Klick auf den Button im Newsletter oder per E-Mail zum Online-Gespräch an: streitundstruntz.konfliktberatung@vfb-saw.de. Die Zugangsdaten zur Zoom-Veranstaltung werden kurz vor Veranstaltungsbeginn per E-Mail an alle angemeldeten Personen verschickt.

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